
Vor etwas mehr als einem Jahr brach im Lötschental, Wallis, ein riesiges Stück Gletscher ab, riss in seinem Sturz Unmengen an Gestein, Geröll und Schlamm mit und begrub das ganze Dorf Blatten unter meterhohem Sediment. Die Bilder gingen um die Welt und lösten Bestürzung und kollektive Solidarität aus.
Man könnte meinen, Schlimmeres wird es kaum noch geben.
Doch letzte Woche waren wir erneut Zeugen von einem ähnlichen Ereignis, nur die Dimensionen dieses Gletscherabbruchs waren bei weitem massiver als in Blatten.

Laut letzten Erkenntnissen brach im Himalaya ein riesiges Stück Gletscher mit einer Fläche von etwa 1 km² (!!) ab, stürzte etwa 1200 m (also 1,2 km!) in die Tiefe und löste eine gigantische Flutwelle aus, die sich mit unglaublicher Urgewalt ihren Weg durch die Flusstäler in Nepal und Tibet zwängte und alles und jeden auf ihrem Weg zerstörte. Auf einer Länge von ca. 100 km wurden ganze Dörfer, Wasserkraftwerke, Brücken, Verbindungsstrassen und andere wichtige Infrastruktureinrichtungen durch riesige Mengen an Felsbrocken, Geröll und Schlamm vollständig zerstört oder schwer beschädigt.
Zum Vergleich: hätte sich diese Katastrophe im Lötschental ereignet, wäre das Tal einschliesslich des Rhonetals bis zum Genfersee verschüttet und zerstört worden.

Die Flutwelle setzte ihren Weg noch einmal etwa 100 km weiter nach Süden fort, bis in die Gegend um Chitwan. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Strömung nachgelassen und das Wasser sich verteilt, wodurch das Ausmass der Zerstörung relativ geringer war. Allerdings wurden viele Trümmer, Habseligkeiten und leider auch Todesopfer stromabwärts mitgerissen, die vor allem in Chitwan (Narayani-Fluss) im Süden Nepals gefunden wurden.
Auch dieses Mal schaute die Welt ungläubig und mit Entsetzen zu. Und die Gefahren in diesem Gebiet sind bei Weitem noch nicht gewichen. Eis- und Gletscherschmelze bilden immer grösser werdende Seen die zurückgehalten werden durch instabile Dämme aus zurückgelassenem Geröll die jederzeit durchbrechen können und neue Sturzfluten auslösen können.
Anders als in der reichen Schweiz, wo nahezu jede Gefahrenzone mit Radar und unzähligen anderen Messgeräte genauestens im Auge behalten wird, gibt es eine solche Überwachung in dem Himalaya kaum. Zurzeit wird an einem Überwachungssystem gearbeitet aber dieses steht noch in den Kinderschuhen und könnte dort auch nur punktuell und kaum flächendeckend eingesetzt werden; die Dimensionen dieses Gebietes sind schlichtweg zu riesig. Nicht umsonst wir das Himalayagebiet wegen seinen Unmengen an Eis und Schnee auch schon, nebst Nord- und Südpol, der dritte Pol genannt.
Die Rettungsarbeiten sind sofort angelaufen. Die Nepalesische Armee dringt derzeit in einige der am stärksten betroffene Gebiete vor, und die wichtigsten Rettungsaktionen werden von ausgebildeten Rettungsteams der Armee, der Polizei und die Hubschrauber-Rettungsmannschaften durchgeführt. Letztere sind auch dank der schon seit Jahren geleistete, ehrenamtliche Ausbildungshilfe der Walliser Air Zermatt und seine legendären Pilotenkoryphäen in der Lage auch schwierige Rettungen mittels des sogenannten Longline (Rettungseinsatz, bei der ein Rettungsspezialist an einem bis zu 200 Meter langen Seil unter einem fliegenden Helikopter hängt) zu meistern. Einige nationale und internationale NGOs helfen nun ebenfalls, indem sie den betroffenen Gemeinden Hilfsgüter wie Lebensmittel und andere Artikel des täglichen Bedarfs verteilen.

Vor ein paar Monate waren wir selbst auf diesen Wegen, die jetzt verschüttet sind, unterwegs. Wir bewunderten die wunderschöne Natur und die unzähligen UNESCO Weltkulturerbestätten und liessen uns durch die unglaublich warme und sorgsame Nepalesische Gastfreundschaft bezaubern (s. Reisen). Desto herzzerreissender ist es zu sehen, wie das Land unter diese nie gesehene Katastrophe leiden muss, ein Land, dass kaum etwas hat ausser seiner eigenen Kraft und Anpassungsfähigkeit.
Zum Glück wohnt unser Nepalesischer Freund, den wir auf diese Reise kennengelernt haben, in Bharatpur, Chitwan, in der Peripherie des Katastrophengebiets. Er und seine Familie sind unversehrt. Zwar stieg der Wasserspiegel des Flusses in der Nähe seines Wohnorts gehörig an aber wirkliche Schäden sind dort nicht zu verzeichnen.
Genauso wie alle Einwohner Nepals ist auch er erschüttert von den Geschehnissen und verfolgt die Nachrichten sehr aufmerksam. Und er und alle, die es sich leisten können, versuchen zu helfen.

Ich lasse ihn zu Wort [Bearbeitung aus dem Englischen – JBK]:
«Eine weitere Möglichkeit ist es, direkt an den Katastrophenhilfefonds des Premierministers zu spenden, der zur Unterstützung der betroffenen Gebiete verwendet wird. Zum Beispiel hat eine kleine Gruppe von Ingenieuren aus meinem Bachelor-Studiengang, zu der auch ich gehöre, 20’000 NPR gesammelt und an den Fonds gespendet. Jeder leistet in dieser schwierigen Zeit einen Beitrag, so gut er kann.
Ein weiteres einfaches und rührendes Beispiel, das ich euch schildern kann, ist, dass einige Lehrlinge sogar das Geld sparen, das sie normalerweise für ihre Pausenbrot-Ausgaben eines Tages ausgeben würden, und es spenden, um den Betroffenen zu helfen.
Wir glauben, dass keine Hilfe zu gross oder zu klein ist – wir helfen einfach, so gut wir können.
Zunächst war das das Beste, was wir tun konnten, aber mittlerweile gibt es auch Möglichkeiten, Hilfsgüter direkt in den betroffenen Gebieten zu unterstützen.
Diese Katastrophe hat mir noch deutlicher vor Augen geführt, wie wichtig mein Masterstudienfach ist [er ist in der letzten Phase seines Studiums für Katastrophenrisikotechnik – JBK]. Es ist schmerzhaft zu sehen, was geschehen ist, aber ich hoffe, dass wir daraus lernen und darauf hinarbeiten können, ein sichereres und widerstandsfähigeres Nepal aufzubauen.»
Alle aktuelle Hilfe zum Trotz, es wird nicht genug sein. Nach den Räumungsarbeiten muss das Land geholfen werden beim Wiederaufbau. Schätzungen dazu bis heute belaufen sich auf ca. 5 Milliarden Dollar. Nepal braucht weiterhin internationale Solidarität.
Seit den überhitzten Sommermonaten der letzten Jahre muss wohl auch dem letzten Skeptiker klar sein: die Klimaerwärmung schreitet rascher als erwartet voran. Die folgen spüren allen voran die Berggebiete wie z.B. das Wallis oder eben die Himalayaregion. Gletscher schmelzen mit beunruhigender Geschwindigkeit und der schmelzende Permafrost lässt auch die höchsten Berge zerkrümeln. Und ob wir es nun wahrhaben wollen oder nicht, wir, im reichen, komfortablen Westen, haben einen wesentlichen Mitschuld an diese Klimaerwärmung. Und somit auch eine Mitverantwortung für diese schrecklichen Katastrophe.
Die Solidarität mit Nepal darf nicht im täglich Nachrichtenflut versanden.
Möglichst viele Spenden sind hier jederzeit willkommen.

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