
In der Jesuitenkirche, im Herzen der Altstadt von Sitten (Sion), befindet sich eine kleine Perle in Sachen Expositionen. Seit dem 20. Juni 2026 bietet dieses ehemalige Kirchgebäude in neoklassizistischem Stil ein würdiges Dekor für die Präsentation von knapp zwanzig anthropomorphen Stelen aus dem späten Neolithikum (ca. 3000 – 2000 v. Chr.), organisiert und konzipiert vom Geschichtsmuseum Wallis und dem kantonalen Amt für Archäologie.

Die Beleuchtung der Stelen ist optimal, sodass die Gravuren der Stelen bestmöglich zur Geltung kommen. Die Texte auf den Tafeln – zweisprachig, Französisch und Deutsch – sind kompakt aber sehr informativ, die Ausstellung wird ergänzt mit interaktiven Stationen, Projektionen, Illustrationen, ein Modell und einen Audioführer. Eine stimmungsvolle, sehr gut getroffene Präsentation des Walliser Kulturerbes.

Seit Anfang der sechziger Jahre wurden in und um Sitten in verschiedene Grabungskampagnen etwa fünfzig anthropomorphen Steinplatten (Stelen) gefunden, die zu den ältesten monumentalen Menschendarstellungen in Europa zählen. Sie wurden im Kontext megalithischer Nekropolen aus der späten Jungsteinzeit gefunden. Nebst den Stelen wurden aus dieser Zeit auch mehrere Dolmen (Sammelgräber), die teilweise bis zu hundert Personen fassen konnten, sowie zahlreiche Einzelgräber freigelegt.
Nach rund sechzig Jahre Erforschung dieser Stelen haben die Wissenschaftler einige Erkenntnisse eruieren können, vieles bleibt aber auch noch ungewiss, die Ausstellung vermittelt den derzeitigen Wissensstand.

Anhand der Darstellungen und Graviertechniken haben die Archäologen die Stelen in zwei Kategorien einteilen können, Typ A, mit nur wenigen Verzierungen und Typ B, reicher und detaillierter ausgeführt. Das Geschlecht der dargestellten Personen kann aufgrund des Fehlens eindeutiger Geschlechtsmerkmale nicht mit Sicherheit zugewiesen werden.
Die Stelen wurden zunächst eine Zeit lang in Reihen aufgestellt, dann aber aus unbekannten Grunden umgestürzt, gebrochen und teilweise als Baumaterial wiederverwendet. Diese begrenzte Verwendungsdauer und eine gewisse Nonchalance den dargestellten Personen gegenüber haben die Forscher dazu veranlasst die Personen nicht als Gottheiten in Menschengestalt, sondern als menschliche Abbilder zu sehen.

Der abgebildete, spiralförmige Schmuck und die Waffen deuten auf die in dieser Zeit beginnenden Bearbeitung von Metallen wie Kupfer, Silber und Gold, Gegenstände die damals noch sehr selten und daher auch sehr wertvoll waren. Die Stelen stellen daher wohl Persönlichkeiten mit einem hohen sozialen oder religiösen Status dar, was auch auf eine gewisse Hierarchisierung der damaligen Gesellschaft hindeuten kann.

Die Stelen von Sitten beschränken sich nicht auf den lokalen Fundorten, sondern sind Teil einer megalithischen Kultur, die über ganz Europa verbreitet war. Das Gebiet erstreckt sich von der Ukraine bis nach Portugal und Süditalien. In verschiedene Gebiete ist die Konzentration besonders auffällig, nebst anderen Regionen auch im Alpengebiet. Im Alpenmassiv weisen insbesondere die Stelen von Sitten und Aosta sehr grosse Ähnlichkeiten auf, nicht nur stilistisch, sondern auch mit einem vergleichbaren Lebensweg: zuerst aufgestellt, dann umgestürzt und meistens wiederverwendet. Diese Verwandtschaft mit Gemeinschaften vom Ende der Jungsteinzeit im Alpengebiet und darüber hinaus lässt den Schluss zu, dass dieselbe Weltansicht geteilt wurde und gewisse kulturelle Beziehungen existierten.

Es ist eine hochinteressante Materie und in der Ausstellung hervorragend dargestellt. Sehr empfehlenswert!
Église des Jésuites
Rue du Vieux-Collège 18
1950 Sion
Eintritt frei
Öffnungszeiten
Oktober bis Mai: Dienstag bis Sonntag 11.00 – 17.00 Uhr
Juni bis September: Dienstag bis Sonntag 11.00 – 18.00 Uhr

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